Jobe Bellingham: Der andere Bellingham findet endlich seinen Platz beim BVB

Es ist ein Fluch und ein Segen zugleich, den Nachnamen Bellingham zu tragen und beim BVB unter Vertrag zu stehen. Jeder in Dortmund erinnert sich noch genau an Jude Bellingham, der als 17-Jähriger von Birmingham City kam, binnen zwei Jahren zum Weltstar reifte und anschließend für eine Rekordablöse zu Real Madrid weiterzog. Als im Sommer 2025 sein jüngerer Bruder Jobe von Sunderland ebenfalls den Weg ins Ruhrgebiet fand, war die Erwartungshaltung entsprechend hoch – vielleicht zu hoch. Ein Jahr später zeigt sich: Jobe Bellingham ist nicht sein Bruder, aber er ist dabei, sich seinen eigenen Platz im BVB-Mittelfeld zu erarbeiten.

Der schwierige Start

Wer die erste Saison von Jobe Bellingham beim BVB nüchtern betrachtet, sieht ein durchwachsenes Bild: 49 Pflichtspieleinsätze, aber nur ein Tor und fünf Vorlagen – für einen Spieler, der mit dem Anspruch kam, offensiv Akzente zu setzen, ist das zunächst eine ernüchternde Bilanz. Hinzu kam eine unschöne Episode gegen Ende des Kalenderjahres 2025: eine Zwei-Spiele-Sperre nach einem Platzverweis, die seine ohnehin holprige Findungsphase zusätzlich erschwerte. 

Jobe Bellingham: Der andere Bellingham findet endlich seinen Platz beim BVB

Pikant wurde die Situation zusätzlich durch einen medial breitgetretenen Vorfall, bei dem Vater Mark Bellingham die Dortmunder Trainer- und Vereinsführung wegen des taktischen Einsatzes seines Sohnes zur Rede stellte – ein Vorgang, der intern spürbar für Irritation sorgte und Jobes Stellung im Verein zusätzlich belastete.

Der Transfer und seine Symbolik

Als der BVB im Sommer 2025 die Verpflichtung von Jobe Bellingham für eine Ablösesumme von rund 30 Millionen Euro aus Sunderland bekanntgab, war die Symbolik kaum zu übersehen: Fünf Jahre nach der Verpflichtung von Jude, der ebenfalls als 17-Jähriger und ebenfalls von einem englischen Zweitligisten kam, sollte nun der jüngere Bruder denselben Karriereweg gehen. Die sportliche Leitung um Geschäftsführer Lars Ricken betonte damals öffentlich, wie sehr man von der Reife und Zielstrebigkeit des jungen Engländers überzeugt sei – Formulierungen, die man in Dortmund in ganz ähnlicher Form bereits bei der Verpflichtung seines Bruders gehört hatte. Bellingham selbst entschied sich bewusst dafür, mit der Rückennummer 77 anzutreten und nicht mit der berühmten Nummer, unter der Jude einst spielte – ein kleines, aber bewusstes Signal, den eigenen Weg gehen zu wollen, ohne die Vergleiche unnötig zu befeuern. Inzwischen läuft er mit der Nummer 7 auf, was in Dortmunder Fankreisen durchaus als Zeichen wachsenden Selbstbewusstseins gedeutet wird.

Die Wende im Kalenderjahr 2026

Trotz dieser schwierigen Ausgangslage zeigte sich bereits in der Rückrunde der Saison 2025/26 eine spürbare Trendwende. Nach Absitzen der Sperre kehrte Bellingham mit einer starken Einwechslung gegen Werder Bremen zurück und war an einem Treffer direkt beteiligt. Cheftrainer Niko Kovač betonte öffentlich, dass der junge Engländer in den zurückliegenden Monaten sichtbare Fortschritte gemacht habe – ein Signal, das in Dortmund als Vertrauensbeweis gewertet wurde. Entscheidend für seine Entwicklung dürfte auch gewesen sein, dass sich mit dem Abgang von Pascal Groß einer seiner unmittelbaren Konkurrenten im zentralen Mittelfeld verabschiedete, wodurch sich für Bellingham mehr Spielanteile ergaben, insbesondere an der Seite seines ehemaligen englischen Nachwuchskollegen Felix Nmecha.

Die zweite Saison: Reifeprozess statt Senkrechtstart

Im Sommer 2026, während der Japan-Reise des BVB, äußerte sich Bellingham selbstbewusst über seine persönliche Entwicklung: Er betonte, kein “Kid” mehr zu sein, sondern durch seine bisherige Laufbahn – immerhin bereits über 160 Pflichtspiele in England und Deutschland – ausreichend Erfahrung gesammelt zu haben, um mehr Verantwortung zu übernehmen. Diese Aussage lässt sich als bewusste Positionierung lesen: Bellingham möchte nicht länger als “der jüngere Bruder von” wahrgenommen werden, sondern als eigenständiger Bundesliga-Profi mit eigenem Anspruch.

Spielertyp: Was Bellingham eigentlich ausmacht

Wer Bellingham regelmäßig spielen sieht, erkennt schnell einen anderen Spielertyp als seinen Bruder. Während Jude vor allem durch seine explosive Dribbelstärke und seine Fähigkeit, in engen Räumen Tempo aufzunehmen, glänzt, ist Jobe eher der klassische englische Box-to-Box-Achter: robust im Zweikampf, laufstark über 90 Minuten, mit einem guten Auge für vertikale Pässe, aber bislang ohne die letzte Effizienz im gegnerischen Strafraum. Genau dieses Profil erklärt auch, warum Trainer Kovač ihn zunächst eher als Ergänzungsspieler denn als sofortigen Schlüsselspieler eingeplant hatte – ein Rollenverständnis, das sich im Laufe der zweiten Saison spürbar zu wandeln beginnt, da Bellingham inzwischen auch offensivere Aufgaben zugetraut werden.

Wo Bellingham aktuell steht

Zu Beginn der Saison 2026/27 zeigt sich ein Bellingham, der zwar noch nicht Stammspieler auf jeder Position ist, aber deutlich selbstverständlicher agiert als noch vor einem Jahr. In einem von Konkurrenz geprägten Mittelfeld – neben Nmecha zählen unter anderem Emre Can, Marcel Sabitzer, Carney Chukwuemeka und der talentierte Youngster Konstantinos Karetsas zu den Optionen von Trainer Niko Kovač – hat sich Bellingham als flexibel einsetzbare Option etabliert, die sowohl als tiefer angelegter Achter als auch in einer offensiveren Rolle hinter der Spitze eingesetzt werden kann. Genau diese Vielseitigkeit dürfte am Ende darüber entscheiden, wie groß seine Rolle in dieser Saison tatsächlich wird.

Statistischer Vergleich: Wo Jobe im Vergleich zu Jude im selben Alter stand

Ein Vergleich, der sich in der öffentlichen Debatte kaum vermeiden lässt, ist der zwischen den Entwicklungskurven der beiden Brüder im gleichen Alter. Jude Bellingham hatte mit 20 Jahren bereits eine Meisterschaft mit Real Madrid gewonnen und war fester Bestandteil der englischen Nationalelf bei einer Weltmeisterschaft. Jobe steht an diesem Punkt seiner Karriere noch am Anfang: Er ist bislang “nur” England-U21-Kapitän, wartet auf sein A-Länderspieldebüt und sucht in der Bundesliga weiterhin nach seiner ersten wirklich herausragenden Saison. Dieser Vergleich mag auf den ersten Blick unfair wirken, gehört aber unweigerlich zur medialen Realität, mit der Jobe seit seinem Wechsel nach Dortmund leben muss. Bezeichnend ist, dass er selbst diesen Vergleich in Interviews nie scheut, sondern eher gelassen als Ansporn begreift, seinen eigenen Weg konsequent weiterzugehen.

Das Duell mit dem großen Bruder – zumindest medial

Jobe Bellingham: Der andere Bellingham findet endlich seinen Platz beim BVB

Ein Thema, das Bellingham vermutlich sein ganzes Leben begleiten wird, ist der ständige Vergleich mit Jude. Während der ältere Bruder bei Real Madrid und der englischen Nationalmannschaft längst zur absoluten Weltspitze zählt, befindet sich Jobe noch mitten im Prozess, sich in einer der anspruchsvollsten Ligen Europas zu etablieren. Interessant dabei: Anders als man erwarten könnte, wird dieser Vergleich in der deutschen Fanszene erstaunlich wohlwollend geführt. Viele BVB-Anhänger betonen bewusst, dass man Jobe nicht an Judes Maßstäben messen sollte, sondern an seiner eigenen Entwicklungskurve – eine Fairness, die dem jungen Engländer sichtlich guttut und die auch daran liegt, dass der BVB selbst aus der Causa Jude Bellingham gelernt hat, wie schädlich übertriebene Erwartungen an junge Spieler sein können.

Die englische Fußballschule als Erklärungsmodell

Ein Aspekt, der in der deutschen Berichterstattung häufig zu kurz kommt, ist die spezifisch englische Ausbildung, die Bellingham geprägt hat. Anders als viele kontinentaleuropäische Talente durchlief er in England ein Jugendsystem, das traditionell großen Wert auf physische Robustheit, Zweikampfstärke und mentale Härte legt – Eigenschaften, die sich in der Bundesliga, wo läuferische Intensität und Umschaltspiel eine zentrale Rolle spielen, durchaus als Standortvorteil erweisen können. Gleichzeitig gilt die englische Schule als weniger fokussiert auf feinmotorische Technik in engen Räumen, ein Bereich, in dem Bellingham nach eigener Aussage noch dazulernen möchte. Diese Kombination aus physischen Stärken und technischem Entwicklungspotenzial ist typisch für viele englische Spieler, die in den letzten Jahren den Sprung in die Bundesliga gewagt haben.

Die England-Perspektive: Kapitän der U21, aber noch kein A-Nationalspieler

International hat Bellingham bereits eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen: Vom England-U16-Debütanten bis zum aktuellen Kapitän der U21-Nationalmannschaft hat er praktisch jede Altersklasse durchlaufen und dabei stets eine gewisse Führungsqualität gezeigt, die ihm auch beim BVB attestiert wird. Ein Debüt in der A-Nationalmannschaft steht bislang noch aus – auch das ein Unterschied zu Jude, der in diesem Alter längst etablierter Stammspieler der “Three Lions” war. Englische Nationaltrainer beobachten seine Entwicklung in der Bundesliga aber genau, insbesondere weil die Konkurrenz im englischen Mittelfeld traditionell enorm groß ist. Ein konstant starker Auftritt über die volle Saison 2026/27 könnte für Bellingham daher gleich doppelt Früchte tragen: für seine Rolle beim BVB und für seine Ambitionen auf Länderspielehren.

Die sportliche Bedeutung für den BVB

Für Borussia Dortmund ist Bellinghams Entwicklung mehr als eine reine Personalie – sie ist Teil eines größeren Plans. Nach dem durchwachsenen Vorjahr, in dem die individuelle Qualität des Kaders nicht immer in konstante Ergebnisse übersetzt werden konnte, setzt Trainer Kovač bewusst auf eine junge, hungrige Mittelfeldachse, die sich über mehrere Jahre gemeinsam entwickeln soll. Bellingham gilt dabei als einer der Schlüsselspieler dieses Plans – nicht, weil er aktuell der auffälligste Name im Kader ist, sondern weil sein Profil aus Box-to-Box-Mentalität, physischer Präsenz und wachsendem taktischem Verständnis genau in das Anforderungsprofil passt, das sich der BVB für die kommenden Jahre wünscht.

Der 21. Geburtstag und ein besonderes Spiel

Am 23. September wird Jobe Bellingham 21 Jahre alt – und ausgerechnet wenige Tage zuvor, am 19. September, steht mit dem Auswärtsspiel bei Zweitliga-Rivalen VfB Stuttgart eine der ersten echten Bewährungsproben der neuen Saison an. Für Bellingham persönlich ist es die Gelegenheit, in einem prestigeträchtigen Duell gegen einen Champions-League-Konkurrenten der Vorsaison seine wachsende Bedeutung im BVB-Mittelfeld weiter zu untermauern. Nach dem überzeugenden 3:0 gegen Paderborn am dritten Spieltag reist Dortmund mit Rückenwind nach Stuttgart, wo der VfB seinerseits dringend eine Trendwende sucht – ein Spiel also, das für beide Seiten weit mehr als drei gewöhnliche Punkte bedeutet.

Die Erwartungshaltung der Dortmunder Fanszene

Dortmund hat in den vergangenen Jahren eine besondere Beziehung zu jungen, hoch veranlagten Auslandstalenten entwickelt: Von Ousmane Dembélé über Jadon Sancho und Jude Bellingham bis hin zu Erling Haaland hat der Verein wiederholt bewiesen, dass er wie kaum ein anderer Bundesligist in der Lage ist, internationale Rohdiamanten zu Weltklassespielern zu formen. Diese Erfolgsgeschichte hat allerdings auch eine Kehrseite: Jeder neue Name, der mit ähnlichem Potenzial nach Dortmund wechselt, wird unweigerlich an diesen Vorgängern gemessen – eine Erwartungshaltung, die für Jobe Bellingham von Anfang an eine zusätzliche Bürde darstellte. Erfahrene Beobachter der Dortmunder Fanszene mahnen inzwischen zur Gelassenheit: Nicht jeder Spieler muss innerhalb von zwölf Monaten zum Superstar reifen, um am Ende eine wichtige Rolle für den Verein zu spielen.

Warum Geduld bei jungen Spielern sich auszahlen kann

Der Fall Bellingham lässt sich auch als generelles Lehrstück lesen, wie wichtig Geduld bei der Integration junger, ausländischer Spieler in die Bundesliga ist. Anders als in mancher Boulevard-Berichterstattung suggeriert, verläuft die Eingewöhnung selbst hochveranlagter Talente selten geradlinig – neue Liga, neue Sprache, neue taktische Anforderungen und, im Fall der Bellinghams, eine gewaltige mediale Erwartungshaltung summieren sich zu einer Belastung, die nicht jeder Spieler in seiner ersten Saison souverän meistert. Der BVB hat mit Spielern wie Jadon Sancho oder eben Jude Bellingham selbst bewiesen, dass sich diese Geduld langfristig auszahlen kann – vorausgesetzt, Verein und Spieler ziehen gemeinsam an einem Strang.

Ausblick auf die Saison 2026/27

Sollte sich der positive Trend aus dem Sommer fortsetzen, könnte diese Saison zu jener werden, in der Jobe Bellingham endgültig aus dem Schatten seines Bruders heraustritt. Die läuferischen und physischen Anlagen sind zweifellos vorhanden, die taktische Reife wächst sichtbar von Spiel zu Spiel. Was noch fehlt, ist die konstante Torgefahr, die viele englische Box-to-Box-Mittelfeldspieler in der Bundesliga so wertvoll macht. Gelingt Bellingham dieser letzte Entwicklungsschritt, dürfte er schon bald nicht mehr in erster Linie als “der jüngere Bruder von Jude” wahrgenommen werden, sondern als eigenständiger, wichtiger Baustein im Dortmunder Mittelfeld der kommenden Jahre.

Fazit

Jobe Bellinghams erste anderthalb Jahre beim BVB waren geprägt von hohen Erwartungen, einer schwierigen Findungsphase und einer belastenden familiären Nebengeschichte. Doch die Entwicklung seit dem Frühjahr 2026 zeigt: Der junge Engländer findet zunehmend seinen eigenen Rhythmus in der Bundesliga. Das Auswärtsspiel bei Stuttgart am 19. September, kurz vor seinem 21. Geburtstag, bietet die nächste Gelegenheit, diesen positiven Trend zu bestätigen – nicht als kleiner Bruder eines Weltstars, sondern als eigenständiger Dortmunder Mittelfeldspieler mit wachsendem Anspruch.

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